Gibt es sie noch, die verbindlichen Werte?

In der Akademie für Politische Bildung am Starnberger See haben wir am 23. Februar einen besonderen Nachmittag verbracht: Im Workshop „Bildung für die Demokratie” haben 16 TeilnehmerInnen mit uns intensiv über die Frage nach den verbindlichen und grundlegenden Werten einer Demokratie, unserer Demokratie, geforscht. Der Kurs fand statt auf Einladung der Akademie für Politische Bildung, die als Partner von Street Philosophy das Rahmenprogramm zur Bildungskonferenz „Beyond Knowledge” gestaltet hat. Organisiert hatte diese Konferenz das starke Frauen-Duo Julia Kalmund und Nina Schmid im Literaturhaus. Es waren kluge Menschen geladen, wie der Philosoph und Autor Richard David Precht, die Kriegsfotografin Julia Leeb, Astrophysiker Harald Lesch oder Philosophin und Autorin Ariadne von Schirach u.v.m., die über die Themenverkettung „Bild, Bildung, Menschenbildung” sprachen. Nina Schmid moderierte mit Tiefsinn, poetischer Kraft und offenem Herzen (man kann es einfach nicht anders sagen).

 

Unser Einstieg in den Workshop-Nachmittag begann denn auch mit Zitaten aus der Konferenz:

“Wir sind beim Lernprozess von der Schallgeschwindigkeit zur Lichtgeschwindigkeit übergegangen.” – Harald Lesch

“Schule kann nicht alle gesellschaftlichen Probleme auffangen durch immer neue Angebote!” – Aga Trnka-Kwiecinski

“Wir brauchen nicht leistungsfähige, sondern beziehungsfähige Kinder. (…) Bildung ist Emotionalität. (…) Wir lernen und erinnern durch Emotionen.” – Aga Trnka-Kwiecinski

“Bilder verbinden Fakten mit Gefühlen. (…) Bilder haben was mit Bildung zu tun.” – Julia Leeb

“Der Mensch ist (im Gegensatz zur KI) natürlich, emotional, fiktionsbedürftig, moralfähig. (…) Kreativität bedeutet nicht Problemlösung.” – Richard David Precht

“Wir sind Wesen, die sich selbst gestalten.” – Ariadne von Schirach

 

Welche Fragen wir erarbeitet und über welche Werte wir philosophiert haben, das hat dankenswerterweise Julia Kalmund bereits zusammen gefasst und veröffentlicht: https://street-philosophy.de/bildung-fuer-die-demokratie/ . Aber nicht nur deshalb ist der Blog von Nina Schmid und Julia Kalmund unbedingt lesenswert , es lohnt sich immer wieder, einen Blick hinein zu werfen! Vielen Dank an StreetPhilosophy für die Einladung und den bericht – wir freuen uns auf weitere gemeinsame Aktivitäten!

Der Titel der nächsten Konferenz von Street Philosophy lautet übrigens: “Beyond Ideology” – wir sind gespannt.

Julia Blum-Linke

 

Ausflug auf den Gedankenspielplatz

Hin und her und her und hin. Ich sitze auf der Schaukel mit geschlossenen Augen, genieße die Sonne in meinem Gesicht und spüre den Flugwind in meinen Haaren. Schaukeln war im Kindergarten meine Lieblingsbeschäftigung. Aber kann es sein, dass Schaukeln und Spielplätze etwas mit Philosophie zu tun haben? Auf den ersten Blick stellt das gemeinsame Nachdenken einen starken Kontrast zu den Abenteuern dar, die man auf dem Spielplatz erleben kann. Was aber, wenn die Schaukel zum Sinnbild für eine Meinung wird oder eine Wippe die unterschiedliche Gewichtigkeit von Argumenten symbolisiert?

Indem man durch die Spielgeräte an die Lebenswelt der Kinder anknüpft, erlernen diese auf spielerische Weise die grundlegenden Kompetenzen des Philosophierens. Die Erfinderin des Gedankenspielplatzes, Laura Kerslake, hat neben der Schaukel und der Wippe drei weitere Elemente eines Spielplatzes zu philosophischen Instrumenten gemacht. Die Überwindung, die es braucht sich in die Ungewissheit der Rutsche zu stürzen, steht für den Mut, den es braucht, um seine Gedanken vor einer großen Gruppe auszusprechen. Das Klettergerüst, auf dem man Schritt für Schritt weiter gelangt, zeigt den Kindern, dass es wichtig ist einander zuzuhören und die Ideen Anderer miteinzubeziehen. Und wie man von einem Ausguck den Trubel des ganzen Spielplatzes überblicken kann, so können sich die Kinder auch über einen philosophischen Dialog einen Überblick verschaffen, indem sie sich zurücknehmen und den Argumenten der anderen folgen.

Diesen Gedanken-Spielplatz hat uns Laura Kerslake, die derzeit an der University of Camebridge promoviert, gestern Abend vorgestellt. Sie entwickelte diese Idee, um Kindern den Einstieg in die Philosophie zu erleichtern. Die verschiedenen Instrumente werden den Kindern über zehn Wochen hinweg vorgestellt und eingeübt. So gelingt es mit Grundschülern über zunehmend komplexere Probleme zu philosophieren. Von anfangs leichten Fragen wie „Ist es besser eine Person sehr glücklich zu machen oder 10 Leute ein bisschen glücklich zu machen?“ kann man sich bis hin zum Trolley-Dilemma weiterarbeiten.

Nach der Beantwortung einiger Fragen und einer kurzen Stärkung am Buffet, durften wir schließlich selbst das Philosophieren auf dem Gedanken-Spielplatz ausprobieren. Wir wurden mit der Frage: „Gibt es eine Regel auf die sich ALLE Menschen einigen könnten?“ auf die Schaukel geschickt. Diejenigen, die die Frage mit nein beantworten würden, sollten auf die rechte Seite gehen, die Ja-Antwortenden gruppierten sich auf der linken Seite und die Unentschlossenen blieben in der Mitte stehen. Anschließend tauschten wir, moderiert von Laura Kerslake, unsere Gedanken aus. Dabei zog sie immer wieder Vergleiche zu den Kindern und erzählte von ihren Erfahrungen. So würden manche Kinder, während wir stur auf unseren Seiten stehen blieben, bei beinahe jedem neuen Argument die Seite wechseln. Zudem würden sie nicht wie wir mit abstrakten Argumenten reagieren, sondern mit konkreten Regeln, wie beispielsweise „Jeder muss lieb zu Fröschen sein“.

Laura Kerslake erzählte uns auch, wie sehr es sie freut, dass die Kinder ihrer Schule in Zeiten, in denen sie sich selbst beschäftigen dürfen, oft entscheiden, auf den Gedanken-Spielplatz zu gehen, statt anderen Aktivitäten nachzugehen.

Vielen Dank an unsere Praktikantin Theresa Kern für diesen Beitrag!

Nur heiße Luft? – Wie frage ich richtig nach

Im Mai geht unser Aufbaumodul “Vertiefend Weiterfragen” in die zweite Runde. Zweifeln, argumentieren, mit Gedanken spielen: Die Geschichte der Philosophie ist voller Methoden des Denkens. Diese Methoden für ein Gespräch in der Gruppe zu nutzen, ist allerdings nicht ganz einfach. Schließlich besitzt jedes Gespräch seine eigene Dynamik. Wann frage ich wie nach? – diese Frage zu beantworten ist daher die große Aufgabe, vor der wir als Moderatoren stehen. Mit etwas Theorie und viel praktischer Übung wollen wir in unserem Aufbaumodul Antworten finden.

Einige der Methoden stellen wir euch aber heute schon vor, zum Beispiel…

 

  1. Die Perspektive wechseln
    Es ist im philosophischen Gespräch von Vorteil, möglichst viele verschiedene Perspektiven einzubeziehen. Wenn sich das jedoch nicht aus dem Gespräch selbst ergibt, können Fragen hilfreich sein, die auf andere Vorstellungen, Kulturen, Zeiten abzielen und so zumindest einen gedachten Perspektivwechsel erlauben, z.B.: Gilt das für jeden Menschen? Ist das überall auf der Welt so? War das immer so, zu jeder Zeit?
    Auch andere oder gänzlich unbekannte Perspektiven können eingenommen werden: Wie würde das ein Kind, ein Höhlenmensch, ein Fisch, eine Pflanze, ein Alien etc. sehen/wahrnehmen?
    Bei moralischen Fragen, bei Streitfragen kann man die Teilnehmer bspw. aber auch auffordern, Argumente für die Gegenseite zu finden.
  2. Gedankenexperimente
    Sehr beliebt, um den Blick für andere Möglichkeiten zu öffnen, sind in der Philosophie (und nicht nur dort) Gedankenexperimente. Ihr Grundmuster kann auf die Formel “Was wäre, wenn…?” gebracht werden. Eine einfache und gerade für Gespräche wirkungsvolle Form des Gedankenexperiments ist die “Fiktive Nichtung”, also bspw. “Was wäre, wenn es keine Freundschaft gäbe?”, “Was wäre, wenn niemand mehr die Wahrheit sagen würde?”
    Es gibt aber natürlich auch komplexere Gedankenexperimente. Eines der wohl bekanntesten ist Robert Nozicks „Glücksmaschine“, das der Frage nachgeht, ob das ewiges Glücklichsein der höchste erstrebenswerte Zustand ist:
    Stellen wir uns vor, geniale Neuropsychologen hätten eine „Glücksmaschine“ konstruiert, die ihrem Benutzer jede Erfahrung ermöglicht, die er zu machen wünscht. Wenn wir wollen, könnten wir uns für den Rest unseres Lebens an diese Maschine anschließen lassen. Wir würden nicht wissen, dass wir an eine Maschine angeschlossen sind, sondern alles wäre so, als geschehe das, was wir von nun an erleben, wirklich. Wir würden subjektiv keinen Unterschied merken, wären aber davor geschützt, Dinge zu erleben, die wir lieber nicht erleben möchten. Unsere Liebesbeziehungen wären allesamt glücklich, wir würden alles erreichen, was wir uns vornehmen, und hätten alles, was wir uns nur wünschen. Wir könnten also, was unsere subjektive Wahrnehmung angeht, jedes Leben führen, das wir wollten. Würden wir dann auch nur eine Sekunde zögern, diese einmalige Gelegenheit zu ergreifen, uns unser Glück auf Lebenszeit zu sichern? Würden wir sie vielleicht sogar ablehnen?
  3. Argumentieren
    Beim Argumentieren geht es oft um das Herausfinden von Schwächen eines Argumentes, um sich nicht in Fehlschlüsse zu verstricken, aus denen heraus dann die weiteren Schlussfolgerungen gezogen werden. Zunächst einmal muss jedoch geklärt werden, was überhaupt ein Argument ist. Im Alltag geht es häufig um bloße Meinungen, Sichtweisen, die man vertritt bzw. verneint, ohne dafür einen wirklichen Grund zu nennen. Im philosophischen Gespräch werden die Meinungen schon eher begründet oder zumindest achtet die Gesprächsleitung darauf und fragt: „Warum denkst du, dass das so ist?“Ein Klassiker aus der Philosophie zu diesem Thema:
    Sokrates ist sterblich 
    also: Sokrates ist ein Mensch.Auch wenn es so aussieht – um ein Argument im klassischen Sinn handelt es sich dabei noch nicht. Warum? Wir können nicht von einem Satz auf den anderen schließen, ebenso wenig wie man von einer Zahl (2) auf eine andere (5) schließen kann. Man braucht also mindestens zwei Sätze (in der Logik Prämissen), von denen man auf etwas drittes schließt (oder um bei den Zahlen zu bleiben: 2 + 3 = 5). Beim Beispiel mit Sokrates würde das dann so aussehen:Sokrates ist ein Mensch (Prämisse 1). Alle Menschen sind sterblich (Prämisse 2). Also: Sokrates sterblich (Konklusion). Nun mag das im ersten Moment etwas spitzfindig klingen, denn natürlich wissen wir, dass alle Menschen sterblich sind, das muss man eigentlich nicht erst deutlich machen. In vielen anderen Argumenten macht aber gerade diese Suche nach der „stillen Voraussetzung“ Sinn und hilft, Streitfragen zu klären oder einer Antwort näher zu kommen. Nehmen wir also als Beispiel die Streitfrage: Ich bin der Meinung, dass in staatlichen Institutionen keine Kreuze hängen dürfen und begründe dies so: Das Aufhängen eines Kreuzes verwischt die Grenze zwischen Staat und Religion. Was setze ich jedoch voraus, um die Schlussfolgerung: „Es sollten keine Kreuze in staatlichen Institutionen hängen“ ziehen zu können? Was ist also meine zweite Prämisse? Was denken Sie?
    Im philosophischen Gespräch kann man solche stillen Annahmen erfragen, indem man bspw. bei einer Begründung nochmal nachhakt: “Und warum denkst du, dass das so ist?“ oder auch „Auf welchen Annahmen beruht deine Begründung?“.

Übrigens: Wer Lust an der Provokation als Methode hat, der hat sicherlich auch Freude an dem immer wieder polarisierenden Philosophen Slavoj Žižek.

Feuer gefangen? Alle Infos zum Aufbaumodul im Mai findet ihr hier.

Great Britain in the house

Am 19. Februar besucht uns Laura Kerslake, Autorin des Buches “Gedanken-Spielplatz”, die an der University of Cambridge promoviert. Schwerpunkt ihrer Forschung ist die “Dialogic Education”, also das Lernen im Dialog, dabei insbesondere das Philosophieren mit Kindern. Ihr Handbuch für Lehrerinnen und Lehrer stellt spielerische, dennoch aber philosophische Möglichkeiten vor, um mit Kindern ins Gespräch zu kommen und sie zum Denken anzuregen. Kerslake verwendet dabei Bilder von Spielgeräten wie Schaukel oder Rutsche, um sie an abstrakte Konzepte heranzuführen. Dabei stehen immer die Gedanken und Ideen der Kinder im Vordergrund. Im Rahmen der “Forschungsgemeinschaft”, wie die philosophische Runde beim Ansatz von P4C (Philosophy for Children), auf den sich auch Kerslake stützt, heißt, werden die Ideen gemeinsam weiterentwickelt.

Im Anschluss gibt es die Möglichkeit, Fragen an Kerslake über ihr Buch und ihre Forschung zu stellen. Und natürlich wird bei diesem philosophischen Abend bei Wein, Wasser und kleinen Snacks auch philosophiert.

Wann?            19. Februar 2019, 18 Uhr bis ca. 21 Uhr
Wo?                 Akademie für Philosophische Bildung und WerteDialog, Baierbrunner Str. 27, 81379 München

Anmeldung    fortbildungen@kinder-philosophieren.de
Kosten             15 Euro inkl. Essen und Getränke

Der Vortrag wird weitestgehend auf Deutsch sein, Englischkenntnisse sind allerdings von Vorteil!

Mehr Informationen zum Buch: www.playgroundofideas.co.uk

 

 

Fishbowl? Funktioniert.

Haben Sie schon einmal versucht, mit über 50 Personen zu philosophieren? Drei Stuhlkreise, zwei Moderatoren, eine Catchbox  – und nicht zuletzt die besondere Atmosphäre in den Kammerspielen – haben geholfen, das Philosophieren mit einer so großen Gruppe von Menschen gelingen zu lassen.

Wie vor einer Theateraufführung fühlen wir uns, in dem großen Raum, mit den vielen Stühlen und den schweren schwarzen Vorhängen. Immer wieder öffnet sich eine andere Tür zur Kammer 3 und es wird geprüft, ob der Ton funktioniert, das Licht stimmt, alles an seinem Platz ist. Und schließlich kommen sie: Über 50 Menschen, von 13 bis 70 Jahren, Studenten, Philosophinnen, Mütter, Väter, auch Trainer der Akademie sind dabei. Sie nehmen Platz, manche ganz außen, um nur zuzuhören, einige gleich im inneren Kreis der Fishbowl, um von Anfang an mitzudiskutieren. Das Thema: Arm und Reich – Spot on!

 

  

Das ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen, denn für den Einstieg werden die vier Impulsgeber Artemis Sacantis, Helena Gregorian, Philipp Roshan und Marco Merz gebeten, aufzustehen und Fragen zum Thema des Gesprächs zu beantworten: Welche Bedeutung hat Reichtum für die Politik, die Freiheit, das Theater? Was macht Musik, was macht Tanz reich? Was macht ihr Leben reich? Den, der interviewt wird, beleuchtet ein Spot. Wir sind im Theater. Über eine Stunde philosophiert die große Gruppe anschließend gemeinsam die Frage:

Was macht das Leben reich?

Besonders an diesem Gespräch: Es ist außerordentlich dynamisch, manchmal politisch, meistens aber philosophisch und tief. Menschen wechseln in die Mitte der Fishbowl, um einen Beitrag zu leisten, ziehen sich dann wieder zurück. Andere bleiben, obwohl sie erst nur Zuhörer waren, im inneren Kreis, während andere ihren Stammsitz für neue Sprecher aufgeben und in die letzte Reihe wechseln. Christophe Rude und Dr. Theres Lehn moderieren gemeinsam. Theres hat dabei den Gesprächsverlauf im Blick und gibt immer wieder neue Impulse in die Runde: Was zeichnet eine reiche Gesellschaft aus? Ist Reichtum schon Überfluss? Wo beginnt Reichtum? Und warum reden wir überhaupt darüber? Christophe achtet hingegen mehr auf die Details und ist darauf fokussiert, das Gespräch zu vertiefen: Was verstehen Sie genau unter? Warum denken Sie, dass das so ist? Ist das immer so? Gilt das für jeden?

Vielleicht ist das ein Grund, warum die Fishbowl diesmal so gut funktioniert hat. Vielleicht hat aber auch die Mischung aus Jung und Alt, Familienmenschen und Freiheitsliebenden, Menschen mit mehr und Menschen mit weniger Geld dazu beigetragen. Einen Teil hat sicher die Atmosphäre der Kammerspiele ausgemacht, die dem Philosophieren einen Hauch von Performancetheater geben konnte.

 

   

Was wir euch noch mitgeben möchten aus diesem tollen Gespräch: Die Abschlussfragen.

Woran wäre ich gerne reicher?

Wovon habe ich zu viel?

Viel Spaß beim Nachdenken und vielen Dank an alle, die da waren und an die Bundeszentrale für Politische Bildung, die das Festival “Politik im freien Theater” organisiert.

Tag der offenen Drehtür: Schön war’s!

Wir sind uns einig: Das sollten wir öfter machen. Wir haben viele bekannte Gesichter wiedergesehen, neue Menschen kennengelernt und gute Gespräche geführt – nicht nur philosophische. Das Philosophieren stand aber natürlich im Mittelpunkt, diesmal in unterschiedlichsten Spielarten. Ganz klassisch wurde beim Workshop für Erwachsene zum Thema “Zeit ist Glück” philosophiert. In einem Zimmer voller Teelichter wird die Geschichte von einer armen, aber weisen alten Frau erzählt, die jeden Tag eine Handvoll Bohnen in ihrer rechten Tasche mit sich herumträgt. Wenn ihr über den Tag etwas Schönes passiert, nimmt sie eine Bohne aus der rechten Tasche und steckt sie in die linke. Am Abend schaut sie, wie viele Bohnen in der linken Tasche gelandet sind und erinnert sich an die schönen Momente. Die Teilnehmer des Gespräches dürfen anschließend aus einer Schüssel ihre “Glücksbohnen” herausnehmen, eine für jeden glücklichen Moment, den sie an diesem Tag erlebt haben. Die Frage, um die es geht: “Ist Glück nur eine Sache der Einstellung?”

 

Das Thema Glück stand auch bei den Kindern im Mittelpunkt, die bei “Bastel’ dir dein Glück” versucht haben, Glück ins Glas zu packen. Hier wurde geschnitten, geklebt und Glitzer verstreut. Aber irgendwie muss man ja auch wissen, was da genau rein soll, in so ein Glas voll Glück. Und deswegen blieben begleitende philosophische Fragen natürlich nicht aus: “Was heißt das eigentlich, glücklich zu sein?” und “Was braucht man zum Glücklichsein? Und was gerade nicht?”. Am Ende wurde für jedes Glas noch ein persönliches Glücksgeheimnis formuliert, das auf der Innenseite hinter dem Etikett versteckt wurde. Welche Geheimnisse das waren, wird aber nicht verraten.

 

Etwas weniger meditativ ging es beim “Speed Dating Philosophie” zu. Große Fragen des Lebens in 4 Minuten beantworten? Kein Problem für die Speed Dater. Die machten sich zu zweit in Gedanken über Fragen wie “Was unterscheidet Liebe zu Menschen von der Liebe zu Dingen?” oder “Wie wäre es wohl, in einer Welt zu leben, in der alle blind wären?”.  Ein Format, das vielleicht das Potential hat, öfter stattzufinden? Schließlich lernt man die Menschen in kurzer Zeit auf einer anderen Ebene kennen, als beim “normalen” Speed Dating. Anschließend gab’s dann aber doch noch mehr Zeit: Im großen Kreis wurde ohne Stoppuhr philosophiert. Das Gespräch drehte sich – wie sollte es anders sein – um das Thema Begegnungen.

                    

Vielen Dank an alle, die da waren – bis hoffentlich zum nächsten Mal!

Und für alle, die noch mehr lesen möchten über den Tag der offenen Drehtür, sei auf den Artikel verwiesen, der letzte Woche in der Sueddeutschen Zeitung erschienen ist.

 

Was macht das Leben REICH?

Die Akademie lädt ein zum Philosophieren im Theater! Vom 1. November bis zum 11. November findet in München das Festival “Politik im Freien Theater” statt, das mit verschiedenen Veranstaltungen dem Thema REICH auf den Grund geht. Zum Abschluss des Festivals lädt die Akademie Kinder philosophieren zu einem philosophischen Gespräch in die Münchner Kammerspiele. Bis zu 60 Personen haben dort Platz und alle können, wenn sie möchten, aktiv am moderierten Gespräch zur Frage “Was macht das Leben reich?” teilnehmen. Ein Dialog der Generationen, Kulturen und Lebenssituationen.


Hier nochmal alle Infos im Überblick:

Philosophisches Gespräch für alle Generationen
11. November, 15 bis 17 Uhr
Münchner Kammerspiele, Kammer 3

Anmeldung bitte unter: anmeldung@politikimfreientheater.de

 

Übrigens: Das REICH Festival bietet auch ein Programm für Schülerinnen und Schüler und Fortbildungen! Die Akademie ist hier vertreten mit der Kennenlern-Fortbildung “Philosophieren mit Kindern”. Wer unseren Ansatz kennenlernen und ein philosophisches Gespräch erleben möchte, ist herzlich eingeladen, uns am 7. November von 16 bis 19 Uhr in der Baierbrunnerstraße 27 zu besuchen. Weitere Infos und Anmeldung unter: prisca.wunderlich@kinder-philosophieren.de

 

Wer noch mehr zu den Veranstaltungen der Akademie und dem Festival wissen möchte, der kann sich hier einen guten Überblick verschaffen: www.politikimfreientheater.de

 

Bildrechte Beitragsbild: Amelie Lichtenberg

Nur heiße Luft? – Wie frage ich richtig nach

Zweifeln, argumentieren, mit Gedanken spielen: Die Geschichte der Philosophie ist voll von Methoden des Denkens: Wie begründe ich stichhaltig, wie wechsele ich die Perspektive oder denke um die Ecke? Allerdings hat jede Schule, nahezu jeder Philosoph seinen eigenen Weg, um zu Erkenntnis zu gelangen. Es ist daher oft schwierig, solche beschrittenen Wege für ein Gespräch fruchtbar zu machen, zumal ein Gespräch ja seine ganz eigene Dynamik bereit hält. Ein paar solcher Methoden und Klassiker der Philosophie zu bestimmten Themen, die schöne Denkanregungen für philosophische Gespräche darstellen, wollen wir euch hier jedoch vorstellen. Ausführlich werden diese und andere Methoden im Aufbaumodul “Vertiefendes Weiterfragen” behandelt:

  1. Die Perspektive wechseln
    Es ist im philosophischen Gespräch von Vorteil, möglichst viele verschiedene Perspektiven einzubeziehen. Wenn sich das jedoch nicht aus dem Gespräch selbst ergibt, können Fragen hilfreich sein, die auf andere Vorstellungen, Kulturen, Zeiten abzielen und so zumindest einen gedachten Perspektivwechsel erlauben, z.B.: Gilt das für jeden Menschen? Ist das überall auf der Welt so? War das immer so, zu jeder Zeit?
    Auch andere oder gänzlich unbekannte Perspektiven können eingenommen werden: Wie würde das ein Kind, ein Höhlenmensch, ein Fisch, eine Pflanze, ein Alien etc. sehen/wahrnehmen?
    Bei moralischen Fragen, bei Streitfragen kann man die Teilnehmer bspw. aber auch auffordern, Argumente für die Gegenseite zu finden.
  2. Gedankenexperimente
    Sehr beliebt, um den Blick für andere Möglichkeiten zu öffnen, sind in der Philosophie (und nicht nur dort) Gedankenexperimente. Ihr Grundmuster kann auf die Formel “Was wäre, wenn…?” gebracht werden. Eine einfache und gerade für Gespräche wirkungsvolle Form des Gedankenexperiments ist die “Fiktive Nichtung”, also bspw. “Was wäre, wenn es keine Freundschaft gäbe?”, “Was wäre, wenn niemand mehr die Wahrheit sagen würde?”
    Es gibt aber natürlich auch komplexere Gedankenexperimente. Eines der wohl bekanntesten ist Robert Nozicks „Glücksmaschine“, das der Frage nachgeht, ob das ewiges Glücklichsein der höchste erstrebenswerte Zustand ist:
    Stellen wir uns vor, geniale Neuropsychologen hätten eine „Glücksmaschine“ konstruiert, die ihrem Benutzer jede Erfahrung ermöglicht, die er zu machen wünscht. Wenn wir wollen, könnten wir uns für den Rest unseres Lebens an diese Maschine anschließen lassen. Wir würden nicht wissen, dass wir an eine Maschine angeschlossen sind, sondern alles wäre so, als geschehe das, was wir von nun an erleben, wirklich. Wir würden subjektiv keinen Unterschied merken, wären aber davor geschützt, Dinge zu erleben, die wir lieber nicht erleben möchten. Unsere Liebesbeziehungen wären allesamt glücklich, wir würden alles erreichen, was wir uns vornehmen, und hätten alles, was wir uns nur wünschen. Wir könnten also, was unsere subjektive Wahrnehmung angeht, jedes Leben führen, das wir wollten. Würden wir dann auch nur eine Sekunde zögern, diese einmalige Gelegenheit zu ergreifen, uns unser Glück auf Lebenszeit zu sichern? Würden wir sie vielleicht sogar ablehnen?
  3. Argumentieren
    Beim Argumentieren geht es oft um das Herausfinden von Schwächen eines Argumentes, um sich nicht in Fehlschlüsse zu verstricken, aus denen heraus dann die weiteren Schlussfolgerungen gezogen werden. Zunächst einmal muss jedoch geklärt werden, was überhaupt ein Argument ist. Im Alltag geht es häufig um bloße Meinungen, Sichtweisen, die man vertritt bzw. verneint, ohne dafür einen wirklichen Grund zu nennen. Im philosophischen Gespräch werden die Meinungen schon eher begründet oder zumindest achtet die Gesprächsleitung darauf und fragt: „Warum denkst du, dass das so ist?“Ein Klassiker aus der Philosophie zu diesem Thema:
    Sokrates ist sterblich 
    also: Sokrates ist ein Mensch.Auch wenn es so aussieht – um ein Argument im klassischen Sinn handelt es sich dabei noch nicht. Warum? Wir können nicht von einem Satz auf den anderen schließen, ebenso wenig wie man von einer Zahl (2) auf eine andere (5) schließen kann. Man braucht also mindestens zwei Sätze (in der Logik Prämissen), von denen man auf etwas drittes schließt (oder um bei den Zahlen zu bleiben: 2 + 3 = 5). Beim Beispiel mit Sokrates würde das dann so aussehen:Sokrates ist ein Mensch (Prämisse 1)
    Alle Menschen sind sterblich (Prämisse 2)
    also: Sokrates sterblich (Konklusion)

    Nun mag das im ersten Moment etwas spitzfindig klingen, denn natürlich wissen wir, dass alle Menschen sterblich sind, das muss man eigentlich nicht erst deutlich machen. In vielen anderen Argumenten macht aber gerade diese Suche nach der „stillen Voraussetzung“ Sinn und hilft, Streitfragen zu klären oder einer Antwort näher zu kommen. Nehmen wir also als Beispiel die Streitfrage: Ich bin der Meinung, dass in staatlichen Institutionen keine Kreuze hängen dürfen und begründe dies so: Das Aufhängen eines Kreuzes verwischt die Grenze zwischen Staat und Religion. Was setze ich jedoch voraus, um die Schlussfolgerung: „Es sollten keine Kreuze in staatlichen Institutionen hängen“ ziehen zu können? Was ist also meine zweite Prämisse? Was denken Sie?
    Im philosophischen Gespräch kann man solche stillen Annahmen erfragen, indem man bspw. bei einer Begründung nochmal nachhakt: “Und warum denkst du, dass das so ist?“ oder auch „Auf welchen Annahmen beruht deine Begründung?“.

Übrigens: Wer Lust an der Provokation als Methode hat, der hat sicherlich auch Freude an dem immer wieder polarisierenden Philosophen Slavoj Žižek.

Diese und weitere Methoden und ihre Anwendung im Gespräch werden am 26. und 27. Oktober im Aufbaumodul “Vertiefendes Weiterfragen” behandelt. Alle Infos dazu findet ihr hier.

Die neuen Aufbaumodule der Akademie Kinder philosophieren

Am 27. und 28. Oktober 2018 findet das Aufbaumodul „Vertiefendes Weiterfragen statt und richtet sich an diejenigen, die das Gespräch mit Techniken des Weiterfragens in die Tiefe führen möchten. Diese werden nicht nur gemeinsam erarbeitet, im Mittelpunkt steht vor allem die Anwendung dieser Techniken, damit Sie Sicherheit erhalten bezüglich der Frage: An welcher Stelle kann ich wie vertiefend nachfragen? Außerdem beleuchten wir Klassiker unter den philosophischen Methoden bezüglich verschiedener Themen wie Identität, Glück, Wahrheit.

Kann ich mir wirklich sicher sein, dass sich in diesem Raum kein Nashorn befindet, nur weil ich keines sehe?
Das Aufbaumodul „Wie denken Philosophen“ am 11. und 12. Dezember 2018 behandelt verschiedene klassische Texte der Philosophie, die sich bestimmter Methoden bedienen: Was hat es mit Wittgensteins Nashorn auf sich? Wie sucht Heidegger, wie Platon nach dem Wesen der Dinge – und was können wir daraus für unsere eigene Moderation lernen? Was bedeutet “Hinterfragen” am Beispiel des Descartes’schen Zweifels? Mit einigen Denkarten werden wir uns anhand der Originaltexte näher beschäftigen. Andere werden vorstellen, um die grundlegende Methodik und ihre Anwendungsmöglichkeiten im philosophischen Gespräch zu besprechen. Dabei spielen auch ganz konkrete Beispiele des philosophischen Denkens und Hinterfragens eine Rolle, die auch im philosophischen Gespräch Anwendung finden können.

Teilnahmevoraussetzung: Zusatzausbildung der Akademie Kinder philosophieren
oder mehrjährige Praxiserfahrung im Philosophieren mit Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen
Kosten: 210 Euro
Veranstaltungsort: Akademie Kinder Philosophieren in München
Information und Anmeldung:  Diana Schick

 

 

 

Neue Förderung für Lehrer in Baden-Württemberg

Auch 2018 können sich Schulen und Lehrkräfte in Baden-Württemberg wieder um eine Förderung bewerben: Unter den Blickpunkten Wertebildung, Persönlichkeitsentwicklung, Orientierungswissen für ein gelingendes Leben fördert die Karl Schlecht Stiftung seit 2015 das Philosophieren mit Kindern und Jugendlichen. Lehrerinnen und Lehrer aller Schularten, die in Baden-Württemberg tätig sind, können sich dabei kostenfrei in philosophischer Gesprächsführung mit Kindern und Jugendlichen ausbilden lassen.

„Wir wollen Kinder und Jugendliche frühzeitig an kritisches Denken heranführen und ihr Urteilsvermögen schärfen“, so Stiftungsreferent Frank Henssler. Das Orientierungswissen, das das Philosophieren bietet, “ist ein wesentlicher Aspekt der Persönlichkeitsbildung.“

Für diese Angebote können sich Schulen und Lehrkräfte ab sofort bewerben:

  • dreistündiger Kennenlernworkshop “Kinder philosophieren” oder “Philosophieren in der Lebens- und Berufsorientierung” für Lehrerkollegien
  • Zusatzausbildung “Philosophische Gesprächsführung mit Kindern und Jugendlichen”
  • Schülerworkshops “Philosophieren in der Lebens- und Berufsorientierung”
  • dreitägige Qualifizierung für Lehrkräfte “Philosophieren in der Lebens- und Berufsorientierung”

Neu ist in diesem Jahr außerdem, dass wir eine philosophierende Schule ins Leben rufen möchten, die das Philosophieren in den Unterricht integriert und in ihr Leitbild aufnimmt. Es gibt ein sehr vielversprechendes Beispiel dazu auf Hawai’i. Wir werden mit verschiedenen Praktikern und Experten aus diesem Bereich zusammenarbeiten, um eine solche Modellschule Wirklichkeit werden zu lassen. Wir suchen: Eine Grundschule und eine weiterführende Schule, die neue Wege des Lernens und Unterrichtens gehen möchten.

Alle Informationen zu den Angeboten und zur Bewerbung findet ihr hier.